Hans-Jürgen Ohl, Absolvent Maschinenbau: Vorbild und Mutmacher

„Ich habe mir immer mehr zugetraut als ich eigentlich aktuell konnte“

Hans-Jürgen Ohl ist einer der frühen Absolventen der Hochschule Kaiserslautern, damals noch Ingenieurschule für Maschinenwesen. Das Maschinenbau-Studium hat er 1962 begonnen und 1966 abgeschlossen. Sein Umgang mit Widerständen und seine Lebenserfahrung können aber auch heute noch Vorbild für aktuelle und künftige Studierende sein. „Durch Mut und Einsatz lassen sich viele Türen öffnen“, ist er überzeugt.

So sind die Rahmenbedingungen für die Aufnahme eines Studiums denkbar schlecht: 1938 in Ostpreußen geboren und aufgewachsen, ist er in seiner frühen Kindheit Krieg und Vertreibung ausgesetzt. Der Vater ist noch im Krieg, als sein Heimatort von russischen Soldaten besetzt wird und seine Mutter sich am 23. Januar 1945 mit ihm und dem älteren Bruder im Planwagen auf die Flucht macht: „Zwei Meter Schneehöhe und Minus 20 Grad“, erinnert er die Strapazen. Viele, die mit ihnen auf dem Treck nach Westen sind, überleben Kälte und Torturen nicht.

Nach mehreren Stationen, finden sie schließlich Aufnahme in Cottbus in der damaligen DDR, wo er – inzwischen 9-jährig – erstmals eingeschult wird. Mit vierzehn erlebt er den nächsten Schicksalsschlag: Seine schwerkranke Mutter stirbt. Nach Abschluss der achten Klasse mit eher lückenhafter Bildung, nimmt er eine Schlosserlehre auf, die er mit dem Betriebsschlosser abschließt und anschließend als KFZ-Schlosser arbeitet. Im Dezember 1956 gelingt dem Jugendlichen ohne Begleitung, die Flucht nach Westdeutschland, wo er zunächst in einem Jugendheim in Ratingen in Nordrhein-Westfalen untergebracht ist. 1958 flüchten sein Vater und seine Stiefmutter ebenfalls aus der DDR und Hans-Jürgen Ohl zieht zu ihnen nach Wuppertal, wo der Vater ein Lebensmittelgeschäft eröffnet, in dem ihm der Sohn neben seiner Arbeit als Schlosser hilft. Die kommenden Jahre bezeichnet Ohl im Rückblick als „Arbeiten und Genießen“. Das erste Motorrad und sogar den ersten VW-Käfer kann er sich leisten.

Aber dem jungen Mann ist das noch nicht genug: „Ich wusste schon immer, dass ich noch mehr will.“ Ein Maschinenbaustudium ist sein Ziel. Aber, um die Fachhochschulreife nachzuholen, fehlen ihm Englischkenntnisse. „Ohne Englisch kommt man nicht weit“, ist er überzeugt. Also verkauft er kurzerhand sein Auto, kündigt seine Stelle als Schlosser und steigt mit einer Sporttasche ausgerüstet auf die Fähre nach London. „Ich wusste noch nicht einmal, was ‚bitte‘ und ‚danke‘ auf Englisch heißt“, erinnert er sich. In London findet er zunächst Aufnahme bei entfernten Verwandten mit kleinen Kindern, bei denen er sich mehr oder weniger als Hausangestellter verdingt und in der Sprachschule 20 Stunden die Woche Englischkurse belegt.

Nach drei Monaten zieht er das Wohnen in der Jugendherberge Milmans Street vor, wo er mit drei jungen Männern drei weiterer Nationalitäten für sechs Monate ein Zimmer teilt und enge Freundschaften schließt, u.a. mit einem Südafrikaner, der als Farbiger das Apartheitssystem miterlebte und einem spanischen Arzt, mit dem er bis zu dessen Tod vor ein paar Jahren eng verbunden bleibt. Mit ihm reist er 1960 nach neun Monaten London für drei Monate durch Spanien und erlernt auch die spanische Sprache. Zurück in Wuppertal unterstützt er den erkrankten Vater bis zu dessen Tod im August 1962 und holt neben der Leitung des Geschäfts die Fachhochschulreife nach. Im Januar 1963 verkaufen seine Stiefmutter und er den Laden. Inzwischen hat er seine Fachhochschulreife erhalten und bewirbt sich auf einen Studienplatz. Als er aus NRW nur Absagen erhält, versucht er es in Kaiserslautern, aber auch hier klappt es nicht. Um seine Chancen für einen zweiten Anlauf im darauffolgenden Jahr zu verbessern, fährt er beherzt nach Kaiserslautern und fragt, ob er sich bei den Einführungsveranstaltungen dazusetzen darf. Wie der Zufall es will, fehlt einer der zugelassenen Studierenden und der hochmotivierte Studierwillige ergreift die Gelegenheit beim Schopf und mit Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit gelingt es ihm, eine Ausnahmegenehmigung wegen seiner Vorgeschichte zu erwirken. So wird er im Frühjahr 1963 ins erste Semester für Maschinenbau in Kaiserslautern aufgenommen.

Im Studium tut er sich nicht leicht, denn es fehlt ihm einiges an Grundlagenwissen, aber er ist sehr interessiert und motiviert und schafft den Studienabschluss, auch wenn er ein Semester wiederholen muss.

Recht schnell erhält er eine Stelle als Verkaufsingenieur bei der Fa. Pleuger Pumpen in Hamburg. Auch hier kann er mit ein wenig Chuzpe überzeugen: „Ich habe denen gesagt, dass ich durch meine Geschäftsführertätig im Laden meines Vaters sehr gute kaufmännische Kenntnisse habe“ und schmunzelnd fügt er hinzu: „Ich habe mir immer mehr zugetraut, als ich aktuell konnte.“ Aber er ist auch immer bereit, sich das, was ihm an Kenntnissen fehlt, anzueignen. Die Arbeit findet er herausfordernd und sie gefällt ihm, dennoch ist er damals fest davon überzeugt: „Wenn man wirklich etwas werden will, muss man nach Amerika gehen.“ So bereitet er parallel zur Berufstätigkeit seine Auswanderung in die USA vor. Im Unternehmen hat er Freundschaft mit einem Kollegen geschlossen, der ihm für die erste Zeit der Jobsuche Unterkunft bei einer Familie in York Pennsylvania vermittelt.

Mit Reisetasche, work permit, immigration permit und 80 Dollar startet er am 1. Oktober 1967 in die USA, wo er schnell einen Job findet und schon am 15. Oktober 1967 als Betriebsingenieur bei der Fa. Mac.Kay anfangen kann. Hier zeigt eine kleine Anekdote, wie es Hans-Jürgen Ohl –wie so oft in seinem Leben – durch seine Art, geradeheraus zu formulieren, was er möchte, gelingt, an seine Ziele zu kommen. Noch beim Vorstellungsgespräch sagt er zum Chef des Unternehmens, das weit außerhalb der Stadt liegt: „Wie komme ich denn hierher?“ Da antwortet dieser „Hier fahren alle mit dem Auto.“ Als Ohl ihm antwortet: „Ich habe weder ein Auto, noch Geld mir eins zu kaufen“, drückt ihm sein künftiger Chef 300 Dollar Vorschuss in die Hand und sagt, er soll sich im Autohaus gegenüber eins besorgen.

Der Händler will ihm einen VW für 1500 Dollar mit einer Anzahlung über 300 Dollar und  den Rest in Raten verkaufen. Doch daneben steht ein Ford Mustang für 1800 Dollar, der den künftigen Betriebsingenieur wesentlich mehr reizt und er fragt: „Bekomme ich den auch mit meiner Anzahlung?“, „Da musst du aber einiges mehr an Raten zahlen“, sagt der Autohändler und Ohl schlägt ein. „So kam es, dass ich noch keinen Cent verdient hatte, aber schon mit einem Ford Mustang durch die Gegend fuhr“, schwelgt er in Erinnerungen.

Nach einem guten Jahr zieht es ihn wieder nach Deutschland, um seine heutige Frau zu heiraten, eine gebürtige Münchnerin, die er schon in Hamburg kennengelernt hatte. Mit der USA-Erfahrung und sehr guten Englischkenntnissen findet er in Deutschland beim Unternehmen JM Schuller, einem Tochterunternehmen der Johns Manville Europe GmbH, das Glasfaservlies herstellt, tatsächlich sehr verantwortungsvolle und herausfordernde berufliche Aufgaben. Zunächst von München, dann von Wertheim am Main aus, wird er weltweit als Projektleiter mit der Planung bis zur Inbetriebnahme neuer Produktionsanlagen beauftragt, u.a. in Italien, den USA und China. Und immer wieder vervollständigt er seine Expertise durch Selbststudium, Fortbildungen oder ein Weiterbildungsstudium zum Industrial Engineer an der TU Darmstadt. Er wird Experte für Glasvlies-Produktionsanlagen nach dem Nassvliesverfahren und berät andere Firmen, u.a. ein Startup in England. Auch die Entwicklung von Schulungskonzepten für die Mitarbeitenden der neuen Produktionsanlagen liegt in seiner Hand, wobei es nicht nur sprachliche Barrieren, sondern auch kulturelle Eigenheiten zu berücksichtigen gilt.

Immer wieder hat er Ideen für neue Projekte, mit deren Umsetzung er ebenfalls beauftragt wird, wie dem Bau einer biologischen Kläranlage in Wertheim, weil er findet, dass die Entsorgungskosten chemisch belasteter Abwässer zu stark gestiegen sind. „Die Anlage ist noch heute in Betrieb, berichtet er stolz“. Das Projekt hat er neben seinen eigentlichen Aufgaben konzipiert und umgesetzt.

In seinen letzten zehn Berufsjahren ist er Beauftragter der Geschäftsleitung und mit der Einführung und Überwachung des Qualitäts-/Umweltmanagements nach DIN9001/14001 und der Leitung des Verbesserungsvorschlagswesens befasst.

Mehr als 30 Jahre bleibt er dem Unternehmen bis zur Rente treu und kann auf ein erfüllendes (Berufs-)leben zurückblicken in dem die Wege zu selbstgesetzten Zielen „auch steinig sein können, aber Aufgeben ein Fremdwort“ für ihn ist. Dabei haben ihn immer Grundsätze und Einsichten wie „wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, „geistiges Kapital ist mehr wert als Aktien“ oder „wenn ich mich verfahren habe, hole ich mir Auskunft ein“, geleitet. Dabei sind Offenheit und Respekt vor anderen Menschen ein hohes Gut für ihn und wie in einem weiteren seiner Leitsätze zum Ausdruck kommt: „Respektiere  jedes Alter, Hautfarbe und Herkunft.“