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Den Wandel aktiv betreiben: Wie Digitalisierung, Corona und Nachhaltigkeit die Versicherungsbranche verändern

Rückschau auf Zweibrücker Symposium und Tag der saarländischen Versicherungswirtschaft

Bereits zum 22. Mal fand am 03.12.2020 das Zweibrücker Symposium der Finanzdienstleistungen statt. Dieses Jahr stand es jedoch unter völlig anderen Vorzeichen. Corona zwingt zum Umdenken. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch und die pfälzisch-saarländische Freundschaft macht vieles möglich. So wurde das Symposium kurzerhand in die digitale Welt verlagert und mit dem im Sommer dieses Jahres coronabedingt ausgefallenen 13. Tag der saarländischen Versicherungswirtschaft kombiniert. Unter dem Leitmotto „Die Versicherungsbranche mit und nach Corona“ fanden hochkarätige Referenten und weit über 200 Branchenvertreter sowie Interessierte virtuell zueinander.

Dabei ist die Branche „vergleichsweise glimpflich durch dieses schwierige Corona-Jahr gekommen“, wie Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft), der Assekuranz zu Beginn seines Impulsvortrags attestiert. Demgegenüber sind die künftigen Herausforderungen vielfältig und substantiell. Dass Versicherer auch heutzutage noch an vielen Stellen analog arbeiten, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Corona hat gezeigt: Digitalisierung ist nicht nur ein Trend anderer Branchen, sie ist mitunter fundamental zur Sicherung der eigenen Betriebsfähigkeit. Innerhalb kürzester Zeit verlagerte die Branche dank moderner Technologien einen Großteil ihrer Belegschaft ins Homeoffice.

Die Digitalisierung greift jedoch tiefer. Individuelle, bedarfsgerechte Absicherungslösungen für den Kunden erfordern eine umfassende Kenntnis des Kunden. Diese „Datenökonomie“, wie Asmussen das Phänomen beschreibt, bewegt sich aktuell jedoch auf wackligen (regulatorischen) Füßen. In einer Welt mit fortwährend neuen technologischen Innovationen hinkt die Regulatorik immer stärker hinterher. Erforderlich sind daher eine Überarbeitung des rechtlichen Rahmens (z.B. innovationsfreundlicheres Datenschutzrecht) sowie ein supranationaler Ansatz. So wenig wie Daten vor nationalen Grenzen Halt machen, darf auch die Regulatorik im europäischen und globalen Kontext nicht zu einem Flickenteppich verkommen. Das unterstreichen auch im Anschluss an den Vortrag durchgeführte Workshops, die von Professoren und Studierenden des Fachbereichs Betriebswirtschaft der Hochschule Kaiserslautern durchgeführt wurden. Diese brachten eine weitere Erkenntnis zu Tage: Absicherung gewinnt zusehends eine neue Dimension, eine gesellschaftliche Perspek¬tive. Denn Verantwortung für den Kunden zu übernehmen, erfordert für die Assekuranz zusehends auch nachhaltiges Handeln und nachhaltige Versicherungsprodukte.

Dass ein solcher Paradigmenwechsel sich mehr und mehr durchsetzt, untermauert Prof. Dr. Wolfram Henn, Humangenetiker und Medizinethiker der Universität des Saarlandes sowie Mitglied des Deutschen Ethikrates. Corona zeigt auf teilweise brachiale Weise die Fragilität unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftskreis-laufs auf. Dass die eigene Vorsorge womöglich doch nicht so sicher ist, macht die Corona-Krise vielerorts deutlich. Die Assekuranz ist daher aufgerufen, moderne Vorsorge-Lösungen zu entwickeln, die diesem besonderen Sicherheitsbedürfnis Rechnung tragen.

In seinem Vortrag appelliert Professor Henn ferner an die gesellschaftspolitische Dimension von Corona. Das Virus ist auch eine Probe für uns als Gesellschaft und die Werte, die wir einfordern und leben (wollen). Der Kampf gegen das Virus gelingt nur im Kollektiv. Eine Impfung rechtlich verpflichtend zu machen, ist jedoch der falsche Weg. Indes: Aus ethischer Sicht ist sie unsere „moralische Pflicht“, wie er eindringlich betont.

Angesiedelt an seinen Vortrag diskutierten weitere Workshops im Anschluss zu zwei Antithesen, die wiederum den Bezug zu Wirtschaft und Assekuranz in den Fokus stellten. Denn eine potenziell neue Gesellschafts- und Werteordnung ist ohne eine Diskussion, wie Wirtschaftsprozesse künftig auszugestalten sind, nicht vorstellbar. Weiter globalisieren oder Prozesse und Wertschöpfungsaktivitäten wieder stärker in nationale Verantwortung legen? Die einhellige Meinung der Workshops: Sowohl als auch. Die Globalisierung bringt zahlreiche Vorteile mit sich: Kostenvorteile und Wissenstransfer durch internationale Zusammenarbeit. Jedoch: Auch die Globalisierung gerät an ihre Grenzen, insbesondere dann, wenn der Staat einen Versorgungsauftrag, wie z.B. bei der medizinischen Versorgung, zu erfüllen hat.

Die hohe Teilnehmerzahl bei der Veranstaltung bewies, dass großes Interesse an den angebotenen Themen besteht. Das digitale Format war diesem Informationsbedarf extrem zuträglich. So konnten fachlich brisante Gastbeiträge und heißdiskutierte Workshopthemen bequem von zuhause aus nachverfolgt und aktiv kommentiert werden.