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"Das Gefühl einen Unterschied zu machen: Das ist es, was mich antreibt"

Prof. Dr. Dieter Wallach im Porträt

Prof. Dr. Dieter Wallach sieht in der Erkundung von Grenzen immer auch das Entdecken von Chancen. „Wenn wir Theorien und Methoden in die Praxis bringen, lernen wir ihre Grenzen kennen. Grenzen helfen uns, die Reichweite unserer theoretischen Modelle auszuloten und darauf basierende Methoden weiterzuentwickeln.“ Den Wunsch, das, was er wissenschaftlich erkundet, auch anzuwenden, verspürte er bereits früh. „Ich hatte bereits als junger Postdoc das Gefühl, dass dieser Weg genau der richtige für mich und mein Tun ist. Und dieses Gefühl hat mich bis heute nicht verlassen.“

Dieter Wallach ist Professor für Mensch-Computer Interaktion und Usability Engineering im Fachbereich Informatik und Mikrosystemtechnik (IMST) an der Hochschule Kaiserslautern (HSKL). „Letztlich sind es Menschen, die vor Rechnern, ob diese nun Herzstücke von Smartphones oder komplexen Leitständen sind, sitzen und wenn wir verstehen, wie Menschen ticken, können wir interaktive Systeme an die menschlichen Möglichkeiten bzw. Restriktionen anpassen“, betont Dieter Wallach die Wichtigkeit, Informatik disziplinenübergreifend zu betrachten.

Wie unser Kopf funktioniert
Dieter Wallach studierte Psychologie, Informatik und Informationswissenschaft. „Psychologie fand ich schon immer spannend. Gerade zu Beginn hat das Studium viele formal-methodischen Aspekte, ich war zunächst überrascht von dem Statistikanteil und verbrachte viel Zeit mit der Bearbeitung von Rechenaufgaben auf Übungsblättern. In diesem Moment dachte ich mir: könnte ich jetzt programmieren, dann könnte ich mir ein Programm dafür schreiben.“ Das sei für ihn ein Schlüsselmoment gewesen, den er dann weiterführte: „Wenn wir das, was die Psychologie Theoriebildung nennt, präzise zu formulieren in der Lage sind, dann können wir Theorien in Form einer Software umsetzen und rigoros prüfen“, beschreibt er seine damaligen Gedanken und widmete sich neben der Psychologie auch der Informatik. Im Anschluss promovierte Dieter Wallach in der Kognitionswissenschaft über die Computermodellierung von Denkprozessen und forschte als Postdoc an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Die Zeit in den USA beschreibt er in akademischer Hinsicht als beste seines Lebens. Seine Faszination für die kognitive Modellierung, also mit formalen Methoden zu beschreiben wie unser Denken funktioniert, quasi an Computersimulationen des menschlichen Geistes zu arbeiten sei immer noch ungebrochen, auch und gerade weil sich die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten heute in kommerziellen Produkten wiederfänden.

Über Annahmen und Stereotype
Dieter Wallach initiiert eine Vielzahl an Projekten und bleibt an vielen von ihnen aktiv beteiligt. „Forschung und Praxis stehen in einer fruchtbaren Wechselbeziehung: Anwendungsorientierte Forschung schafft die Grundlage für innovative Produkte und Dienstleistungen und legt hierbei zeitgleich hochrelevante Forschungsfragen offen“. Eines der Projekte, die Offene Digitalisierungsallianz Pfalz, bei dem er Sprecher des Innovationsbereichs Produkte ist, sei für ihn dabei eine Herzensangelegenheit. „Dieses Transferprojekt folgt genau diesem Ziel, eben wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu bringen und Impulse und Fragestellungen aus ihr aufzunehmen“, erklärt er und betont den für ihn so wichtigen Aspekt, Wissenschaft konkret anzuwenden und nach den praktischen Implikationen theoretischer Grundlagenforschung zu fragen.
Aktuell beschäftigt er sich mit dem Aufbau und der methodischen Fortentwicklung des Design Thinking Tank, der sich am Standort Zweibrücken der HSKL befindet. „Mich interessierte die Frage, wie Kreativität entsteht und wie sie gezielt gefördert werden kann“, blickt Dieter Wallach auf die Entstehungsgeschichte zurück. „Design Thinking ist ein Mindset, es geht darum, kreative Prozesse anzuregen und in der Kollaboration mit anderen Beteiligten in erlebbare Prototypen von Produkten und Dienstleistungen münden zu lassen“, sagt er zur Thematik und ergänzt, dass bedeutsame Produkte v.a. dann entstünden, wenn unterschiedliche Perspektiven an einen Tisch gebracht werden: «Collaborative UX Design» heißt konsequenterweise auch ein Buch, dass er mit dem schweizerischen Kollegen Toni Steimle schrieb. Mit dem Ziel, Kompetenzen der HSKL im Bereich Mensch-Technik-Interaktion zu bündeln und so zusammen kreativ neue Ideen umzusetzen, gründete er gemeinsam mit Prof. Dr.-Ing. Jan Conrad, ebenfalls von der HSKL, 2016 die HCI2B Group. Kreativ zu sein bedeute, sich auf andere als bereits bekannte (Denk)wege zu begeben und so Raum für die Entstehung neuer Ideen zu schaffen. „Mit Transferprojekten wie der Offenen Digitalisierungsallianz Pfalz haben wir die Chance, Innovationen gemeinsam mit KMU der Region aktiv voranzutreiben und dabei unseren akademischen Elfenbeinturm zu verlassen: Das sehe ich als Win-Win-Situation.“

Viele Blickwinkel und Austausch auf Augenhöhe
Erkenntnisse sowie Wissen in die Praxis und damit konkrete Angebote in die Industrie zu bringen ist für Dieter Wallach der richtige Weg. Und für diesen Weg wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet – mit Preisen für seine angewandte Forschung. So sind es aktuell beispielsweise Themen wie autonome Shuttles oder die Entwicklung eines KI-basierten Avatars für Gebärdensprache, an denen er arbeitet. Starker Praxisbezug und Anwendungscharakter seien auch Merkmale seiner Lehre. „Realweltliche Projekte sind als Gegenstand sehr viel anschaulicher“, bringt er es auf den Punkt und ergänzt, dass er seine Berufserfahrung durch sein 2000 gegründetes Unternehmen Ergosign mit in seine Lehre einfließen lasse und sie mitunter deswegen durch einen sehr hohen Praxisbezug gekennzeichnet sei. Die Lehre und die Zusammenarbeit mit Studierenden mache ihm sehr viel Spaß und sei gleichzeitig eine immerwährende Herausforderung. „Ich finde es spannend, dass ich meine Gedanken so sortieren und geeignet aufbereiten muss, dass ich sie den Studierenden näherbringen kann. Gleichzeitig lerne ich viel durch den Austausch auf Augenhöhe, durch die Fragen, die die Studierenden mir stellen. Ich muss Antworten parat haben, oder sie mir erarbeiten, und werde so immer wieder aufs Neue herausgefordert“, bringt er seine Wertschätzung über diesen engen Dialog mit den Studierenden zum Ausdruck.
Austausch auf Augenhöhe sei eines der Merkmale, das er an der HSKL generell sehr schätze, dazu gehöre auch der disziplinüberschreitende Blick. „Ich finde es spannend, dass wir an der HSKL die Informatik aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten, wie beispielsweise in interdisziplinären Studiengängen wie Medieninformatik oder Digital Media Marketing. Meine Kenntnisse aus der Psychologie und dem Design interaktiver Systeme helfen mir dabei, smarte Produkte zu entwickeln, die sich an menschlichen Bedürfnissen orientieren.“ Entschieden habe sich Dieter Wallach für die HSKL aufgrund ihrer Vorreiterrolle mit einer ausgeschriebenen Professur rein für Human-Computer Interaktion, damals der ersten ihrer Art in Deutschland.

Prägende Begegnungen
Menschzentriert zu arbeiten, den Menschen und seine Bedürfnisse zu fokussieren, zieht sich durch Dieter Wallachs Alltag und gerade zwischenmenschliche Begegnungen seien das Besondere für ihn. So war es einmal eine Portion Mut, seine persönliche Grenze zu überwinden und an eine Tür zu klopfen. „Ich dachte, wenn ich das jetzt nicht tue, werde ich es eines Tages bereuen“, formuliert Dieter Wallach seinen Gedanken in dem Moment, als er während seiner Zeit in Pittsburgh bei Nobelpreisträger Herbert Simon anklopfte. „Ihn kennenzulernen war ein großes Glück. Ich bin täglich an seiner Tür vorbei und eines Tages habe ich einfach geklopft.“ Herbert Simon öffnete und neben einem gemeinsam geschriebenen Paper mündete diese „beeindruckende Begegnung“, wie es Dieter Wallach beschreibt, in einer besonderen Freundschaft. „John Anderson, in dessen Arbeitsgruppe ich in Pittsburgh war, und Herbert Simon waren schon als Student meine Helden, ich hätte nie gedacht, dass ich später mit ihnen arbeiten dürfte“, resümiert er über diese prägenden Begegnungen. „Das sind Menschen, die etwas verändern, sobald sie einen Raum betreten“.

Herausforderung angenommen
Die Nähe zu Menschen ist gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie schwieriger geworden. „Aber auch diese Grenzen können wir nutzen und sie in der Lehre beispielsweise mit spannenden Tools zur Kollaboration überwinden. So nutze ich beispielsweise die Chance im Design Thinking Tank Kreativmethoden in virtueller Form auszuprobieren“, beschreibt Dieter Wallach seinen Umgang mit der herausfordernden Situation.
Um seinen Kopf frei zu bekommen hört er gerne Musik und spielt auch selbst Gitarre. Neben einer Leidenschaft für HiFi-Anlagen fotografiert er sehr gerne in seiner Freizeit und hat eine Vorliebe für das Erklimmen von Bergen.
Diese Eigenschaft, immer aktiv Herausforderungen zu suchen und anzunehmen, ist es, was Dieter Wallachs beruflichen und persönlichen Alltag charakterisiert. Die Fähigkeit Chancen zu nutzen, über den Tellerrand zu blicken und Mut zu haben, etwas zu wagen treibt ihn letztlich an, sodass auch er, wie die Menschen, die ihn prägen, mit seinem Tun einen Unterschied machen kann.